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Schulzeit ab 1962

Schulzeit ab 1962

 

In 1961 wurde ich wegen meiner geringen Körpergröße von der altersmäßig vorgesehenen Einschulung für ein Jahr zurückgestellt.

Über Drachen gibt es vielerlei Sagen, Legenden, Bücher und Verfilmungen.
Selbst in unterschiedlichsten Religionsgemeinschaften wird oftmals von Drachen bzw. von Drachentötern berichtet.

So richtig fasziniert hat mich das Thema Drachen und Drachentöter jedoch erst, nach meiner Einschulung, ab einem sechswöchigem Aufenthalt an der Nordsee, im Kinder – Erholungsheim  in Sankt Peter Ording gelegen.

Bei meiner Einschulung in 1962, im Alter von 7 1/2 Jahren, wurde ich durch meine kleine Körpergröße erneut auffällig und musste mich Zwangsweise in absolut fremde Umgebung begeben.

 

 

ganz rechts unsere strenge Lehrerin

Kindererholungsaufenthalte standen in den Nachkriegsjahren groß in Mode.
 
Da man mich an die weit entfernte Nordseeküste verfrachtet hatte, waren Elternbesuche während des Heimaufenthaltes nicht machbar.
Kann mich auch nicht erinnern in den sechs Wochen Heimaufenthalt jemals Post von zu Hause erhalten zu haben.
Niemals werde ich den Tag vergessen, als ich mich am Bahnhof Karlsruhe von meiner liebevollen Mutter verabschieden musste.
Von einer mir völlig fremden Frau, die mit einem grauen Kleid, einem weisen Häubchen und einer weisen Schürze bekleidet war, wurde mir zuvor ein Namenschild an einem Knopfloch meiner Winterjacke befestigt

Unter Tränen stehend, war ich im Lebensalter von 8 Jahren, im Februar 1963 kaum in der Lage Ade zu sagen. Schließlich war mir zumute, als wenn ich verkauft werden würde.
Auf meiner allerersten und gleich viele Stunden andauernden Zugreise, Vormittags vom Bahnhof Blankenloch über den HBF Karlsruhe ausgehend, mitten in der Nacht an Hamburg vorbei, habe ich vor lauter Angst kein Auge zubekommen.
Im Laufe des nächsten Vormittags bin ich dann, zu Tode betrübt und völlig übermüdet, mit vielen anderen Kindern in der Fremde beim Kinderheim in Sankt Peter Ording angekommen.

Nach einer warmen Mahlzeit zur Mittagsstunde mussten alle Kinder ihre Koffer auspacken und sich, nach einer Aufteilung in Altersgruppen, in großen Schlafsälen zur Ruhe legen.
Anschließend wurde allen Kinder das mitgebrachte Taschengeld entzogen. 
Im Laufe des weiteren Tages wurden alle Kinder von einem Arzt begutachtet, gewogen und vermessen.
Nach dem Abendbrot wurden Verhaltensregeln und Einteilungen zum Küchendienst bekannt gegeben.
Das Aufsichtspersonal gab vor beginn der Nachtruhe noch ein Abendständchen zum Besten, dann wurden, bis auf rote Notbeleuchtungen in den Fluren, alle Lichter gelöscht.

Ziel des Aufenthalts war es wohl, uns Kinder in eine bessere körperliche Verfassung zu bringen.

Zum Frühstück gab es im Kinderheim überwiegend Hering in Aspik, warme Milch und frische Semmeln mit etwas Butteraufstrich.
Zu Mittag gab es tagtäglich Schleimsuppe als Vorspeise, Nudel oder Kartoffelgerichte mit Gemüse, sowie Bananen und Orangen als Dessert.
Zum Abendbrot wurde zumeist wieder Hering in Aspik gelegentlich auch grüne Grütze gereicht, Käse oder Wurst gab es nur an Sonntagen.

Hering in Aspik, Schleimsuppe und dergleichen waren mir bis dato nicht bekannt und alsbald auch völlig zuwider.
Wenn vom Aufsichtspersonal gerade wegschaut wurde, tauschte ich mit meinen Tischnachbarn die ungeliebten Nahrungsbestandteile heimlich gegen die leckeren Früchte aus.
Mein direkter Tischnachbar, ein Junge aus meinem Nachbarort Blankenloch Büchig, den ich zuvor nicht kannte, nahm in den sechs Wochen derart zu, dass ihn seine Mutter nach der Heimreise bei der Ankunft am HBF Karlsruhe kaum noch wiedererkannte.
Zu Ende der Woche war immer wieder eine Kontrolluntersuchung auf der Waage fällig.

Nachdem ich in den ersten beiden Wochen kein Gewicht zulegte, sondern sogar Gewicht verloren hatte, wurde mir vom Arzt Hausarrest verordnet.
Fortan durfte ich nicht mehr an den nachmittäglichen Sparziergängen im Bereich des nahegelegen Küstenbereichs teilnehmen.
Eine jüngere Dame vom Pflegepersonal nahm sich meiner an, um mich zu trösten und um mich zumindest zeitweise zu beschäftigen.

Als die nette Frau bemerkte, dass ich noch nicht so richtig flüssig lesen konnte, war  ja noch ABC Schütze und befand mich damals noch in der ersten Grundschulklasse, las sie mir anfänglich Geschichten aus Büchern vor.
Eine der Geschichten handelte von Siegfried dem Drachentöter, besser ausgedrückt um die geschichtsträchtige Nibelungensage.
Da ich diese Geschichte immer wieder hören wollte, überlies mir die liebevolle Dame nach einigen Tagen das Buch, um mir Leseübungen zu ermöglichen.
In den nächsten Tagen habe ich dieses Buch geradezu immer wieder verschlungen.

Heldensagen

Als nach sechs Wochen die Heimreise anstand, hatten sich meine Lesekünste deutlich verbessert. Allerdings gab es da ein größeres Problem.
Da ich im festen Glauben war, dass ich von meinen Eltern zuvor verkauft worden wäre, wollte bei mir keine Freude aufkommen, um nach Hause zurück zukehren.
In der Heimat angekommen, hegte ich großes Misstrauen darüber, ob ich daheim auch willkommen wäre.
Meine Klassenlehrerin konnte es anfänglich nicht fassen, dass ich mich innerhalb der sechs Wochen Kindererholung beim Lesen zum Klassenbesten gemausert hatte und tat sich damit schwer, diesen Umstand im Jahreszeugnis zu beschreiben.

Zum nächsten Geburtstag habe ich mir dann ein Buch gewünscht, in dem die Sage, über Siegfried den Drachentöter, beinhaltet war.
Der Kindererholungsaufenthalt hat mich jedoch für lange Zeit geprägt.
Zuvor war ich ein fröhliches, umgängliches Kind, das mit allen Kindern der Nachbarschaft spielte, sehr schön malen konnte und auch gerne musizierte.
Natürlich gab es auch bei mir gelegentliches Fremdeln, das ist bei Kindern im Vorschulalter aber häufig zu beobachten.

Durch die im Zusammenhang mit dem Kinderheimaufenthalt gesammelten Eindrücke hat sich meine Lebenseinstellung jedoch sehr verändert.
Mit der Mutter Kinderlieder singen, oder mich im Kreise der Familie musikalisch zu betätigen, danach stand mir nie mehr der Sinn.
Während meines Kinderheimaufenthaltes hatten meine Eltern meine zuvor hoch geschätzte Kinderklarinette verschenkt.
Mein Vertrauen zu Erwachsenen, auch zu meinen Eltern, war nach dem Kinderheimaufenthalt stark getrübt.
Es hat viele Jahre gedauert, bis ich die, durch den Kinderheimaufenthalt verursachte Zurückhaltung, gegenüber fremden Menschen, überwinden konnte.
Dies hat auch dazu geführt, dass es mir in jugendlichem Alter schwergefallen ist, Kontakte zu knüpfen.

Aus neueren Recherchen heraus, ist mir bekannt, dass das letzte Kindererholungsheim in Sankt Peter Ording im Jahre 2008 geschlossen wurde.
Es soll Leute geben, die das bedauern.
Mir war es eher eine Freude, diesen Umstand zur Kenntnis zu nehmen.

Im Lebensalter von 10 Jahren durfte ich, katholischer Erziehungsgrundsätze folgend, das Fest der 1.heiligen Kommunion und der heiligen Firmung im selben Jahr begehen.

Seinerzeit war es üblich das Sakrament der heiligen Firmung durch den jeweils amtierenden Erzbischof zu spenden.
Da dieser Kirchenfürst nicht allerorts zeitgleich auftreten konnte, wurden jeweils drei bis vier Geburtsjahrgänge der anstehenden Firmlinge aus mehreren Kirchengemeinden zusammengefasst.
So kam es, dass aus unserer Familie meine 3 Jahre ältere Schwester, mein 2 Jahre älterer Bruder und ich im selben Jahr als angehende Firmlinge vor den Altar treten durften.
Die Feierlichkeit fand in der Kirchengemeinde Weingarten statt.

Alle anstehenden Firmlinge mussten sich notgedrungen samt ihren Firmpaten zum Heiligen Hochmessamt in der katholischen Kirche in Weingarten einfinden.
Irgendwie hatte sich mein Firmpate verspätet, so dass ich ohne dass der Firmpate, was eigentlich so vorgesehen war, für mich beim Erzbischof vorsprechen konnte, vor dem Altar der Kirche kniete.
Als der Erzbischof nach meinem Firmpaten fragte, musste ich kleinlaut von mir geben, dass dieser noch nicht eingetroffen war.
Danach fragte der Bischof nach meinem Vornamen und nach dem Namen meines Schutzpatrons.

Eigentlich hätte mein Firmpate diese Fragen beantworten müssen. 
Da es für meinen Vornamen keinen gleichnamigen Heiligen gab oder gibt, benannte der Bischof den Heiligen Sankt Georg, zu meinem Schutzpatron und spendete mir anschließend das Heilige Sakrament der Firmung.

Auf diese Weise trat abermals die Legende eines Drachentöters in mein junges Leben.
Wer weis, welchen Heiligen mein Firmpate, der dann doch noch den Weg zur Kirche geschafft hatte, vorgeschlagen hätte.

Nachdem alle in der Kirche anwesenden Verwandten wieder im Elternhaus eingetroffen waren, wurde zusammen mit der kompletten Verwandtschaft ein ausgiebiges Familienfest abgehalten.