Zeitzeugenbericht 1945 bis 1946

Nach dem Ableben des Franz Widy aufgefundene Aufzeichnungen:

Es war der 9.Juli 1945, als ich mit meinen Arbeitskollegen Fuchs, Migl und Benesch im Kalkwerk in Weichseln Aufräumungsarbeiten machte. Wir unterhielten uns über den verlorenen Krieg und die Zukunft in der Tschechei.

Ich war während des 3. Reiches Betriebsobmann, wodurch ich volles Vertrauen bei meinen Arbeitskollegen hatte. An demselben 9. Juli, als wir Feierabend machten, erschien ein Auto mit Tschechischer Polizei. Ich hörte, wie Fuchs zu Migl sagte: „Du, sie sind schon da.“ Ich überlegte, was diese Worte bedeuten sollten, als ich sah, dass die Polizei in meine Wohnung ging. Da war mir schon klar, was gespielt wurde. Ich wurde verhaftet. Als meine Frau und meine Kinder weinten, sagte der eine Polizist: „Weint nicht, er kommt gleich wieder“.

Dann kamen noch 2 Mann zu mir ins Auto, unter welchen auch mein Schwager war. Wir kamen in das Polizeirevier Krummau und ohne uns über etwas zu fragen unter Schloß und Riegel. Da war schon ein Mann drin, als wir 3 kamen. Wir besichtigten erst einmal den Raum, 4×3 m. Ein kleines Fenster und in einer Ecke stand ein größeres Holzgefäß, in welches wir unsere Notdurft verrichten mußten.

So wurde es Nacht. Wir warteten immer auf Essen und Trinken, aber vergebens. So verging die Nacht, ab und zu hörten wir Kommandostimmen von der Polizei. Morgens, als es hell wurde, sprachen wir leise miteinander, ob uns diese Hunde am Ende verhungern lassen wollen. Um 11 Uhr vormittags hörten wir Schlüssel rasseln. Jetzt bekommen wir etwas, und wenn es bloß Wasser ist – sagten wir. Aber stattdessen kamen 10 Mann zu uns in die Zelle. Lauter gute Bekannte. Nun waren wir 14 Mann in diesem Raum. Natürlich war mein Leid etwas gemildert, weil es ja an Unterhaltung nicht mehr fehlte.

Ich spürte schon Hunger und Durst, denn es war ziemlich warm und schwül. So verging auch dieser Tag herum, ohne Essen und Trinken. Abends kam ein Tschechischer Partisan und zählte uns. Da nahm sich ein Leidensgenosse den Mut und fragte in tschechischer Sprache , ob und wann wir Essen und Trinken bekommen. Er bekam zur Antwort: „Ja habt ihr euch denn nichts mitgenommen von zu Hause? Wir haben auch nichts für euch“. Er wusste ja genau, dass uns alles abgenommen wurde, sogar Schuhe und Leibriemen. Nicht einmal ein Taschentuch hatten wir. Die Tür fiel ins Schloß.

Am Hof wurden Stimmen laut, die Tür ging auf und wieder 10 Mann kamen herein zu uns. Nun waren wir 24. So standen wir da und jeder drängte sich an die neuen 10 Mann und fragte, was es denn draußen neues gäbe. Wir erfuhren, dass die Amerikaner die Zivilverwaltung an die Tschechen übergeben hatten. Deswegen auch die vielen Verhaftungen.

Jetzt hieß es Schlafengehen. Jeder zog seine Schuhe aus und nahm sie als Kopfkissen. Wir schliefen auf dem Fußboden, aber von dem Gefäß in der Ecke machten wir noch keinen Gebrauch.

Am nächsten Morgen kamen 2 Polizisten in die Zelle. Sie schauten sich jeden einzelnen von uns genau an. „10 Mann zur Arbeit!“ hieß es. Ich war auch dabei. Ich dachte, endlich bin ich heraus aus diesem Loch. Wir mußten schwere Möbel transportieren. Als ich Wasser sah, stürzte ich mich darauf los, musste aber dafür einige Hiebe hinnehmen.
Wir begegneten auf der Straße vielen Bekannten, die sahen, daß uns der Hunger aus den Augen schaute. Aber keiner traute sich, uns etwas zu geben, denn soviel Männer wir waren, soviel Bewacher waren dabei. Meine Hoffnung auf Essen war dahin.

Am Mittag kamen wir wieder in die Zelle, mußten aber feststellen, daß schon wieder 10 Mann dazu gekommen waren. So waren wir nun 34 Männer in einem Raum von 12 qm. Wir konnten gerade nebeneinander stehen. Aber wie sollten wir schlafen? Wir rückten zusammen so weit wie möglich, so daß 10 Männer sitzen konnten. So lösten wir einander ab. Wer am Tag arbeiten mußte, durfte nachts sitzend schlafen.

Der Hunger machte uns immer mehr Sorgen. Am 3. Tag brachten uns unsere Frauen oder Bekannte Essen und Trinken, natürlich unter scharfer Bewachung der Polizei.

Am 4. Tag ging es los mit dem Verhör. Jeden Tag 3-4 Männer. Mein Schwager und ich kamen am 8.Tag an die Reihe. Wir hatten schreckliche Angst, denn alle kamen mit blaugeschlagenen Augen und eingeschlagenen Zähnen zurück.

Ich kam vor meinem Schwager dran und nach langen Fragen verlangte der Polizist von meinem Schwager, er soll mich schlagen. Er ließ sich das nicht zweimal sagen und schlug mir viermal ins Gesicht. Er hoffte dabei, es würde ihm dann besser gehen, wenn er der Polizei die Arbeit abnähme. Als er auf mich einschlug, sprang der Polizist auf mich zu und rief: „So mußt du das machen!“ Er schlug mir die Faust auf den Mund, daß mir meine Zähne herausflogen.

Ich blutete stark und konnte nicht verhindern, daß das Blut auf den Parkettboden spritzte. Da packte mich der Polizist, stieß mich in den Waschraum und sagte: „Da verrecke, du deutsches Schwein!“.

Als er sah, daß ich mich zu waschen begann, trat er mich mit seinen Füßen. Ich wich aber jedem Stoß so aus, daß er nicht erreichte, was er wollte. Als er sah, daß ich genug hatte, führte er mich wieder in das Verhörzimmer zurück.

Da lag mein Schwager regungslos auf dem Boden. Während meiner Abwesenheit hatte in der Kommisar mit dem Gummiknüppel zu Boden geschlagen. Er wurde hochgezogen und kam wieder zu sich. Dann sagte der Kommissar zu mir: „ So, jetzt gib du ihm wieder zurück, was er dir gegeben hat!“  Ich antwortete kurz entschlossen: „Einen Menschen auf Befehl zu schlagen ist die größte Schande. Das mache ich unter keinen Umständen!“
Da trat der Kommissar auf mich zu, schlug mir kräftig auf die Schulter und sagte: Wenn jeder Mensch so handeln und denken würde, wäre es schön auf der Welt.“ Dabei kamen ihm Tränen aus den Augen. Wahrscheinlich dachte er an meine Unschuld.

So blieben wir 34 Männer 4 volle Wochen in dieser Zelle. Wenn uns unsere Angehörigen nicht mit Essen versorgt hätten, wären wir verhungert.
Wir hatten auch einen pensionierten General namens Waldberger bei uns. Den mußten wir auch mit Essen und Trinken versorgen, denn er war aus Österreich und hatte keine Bekannten in Krummau. Er war 72 Jahre alt und durfte die ganzen 4 Wochen nicht aus der Zelle.

An einem Abend kamen 2 Polizisten und ein junger Tscheche, bekleidet als Partisan. Dieser rief in die Zelle: „Wo ist der General?“ Der General trat vor die Tür und fragte was er wolle. Da griffen die 2 Polizisten zu, drückten den General nach vorn, so daß der kleine Tscheche ins Gesicht schlagen konnte. Danach zogen sie mit höhnischem Gelächter wieder ab.

Am 10. August 1945 kam eine freudige Mitteilung von der Polizei. Es hieß, wir wären entlassen. Nur müssten wir noch zum Bezirksgericht. Dort wurden wir – außer dem General – in ein Auto verladen. So sollte die Fahrt in die Freiheit beginnen, aber es zu unserer Enttäuschung ging die Fahrt nach Budweis ins K.Z.

Dort angekommen gingen wir zuerst einmal zum Friseur, denn sowohl meine Leidensgenossen als auch ich hatten die 4 Wochen in Krummau keine Gelegenheit zum Rasieren oder Haareschneiden gehabt. Wir sahen alle wie Räuber aus. Jeder der beim Friseur fertig war, kam gleich anschließend in die Hände der Partisanen.

Ohne nach Name oder Herkunft zu fragen, wurde draufgeschlagen. So mancher blieb auf der Stelle tot liegen.
Danach bekam jeder von uns eine Nummer. Ich hatte die Nummer 2623. Dann noch eine Decke, einen Löffel, und mir wurde im Block 2 Stube 16 ein Bett zugewiesen. Ich ging hin, um meine Decke auf das Bett zu legen.
Als ich die Stube betrat, sah ich am Boden einen Mann mit Blut überströmt liegen. Ich wollte ihn aufheben und sehen, was mit ihm los war. Da hörte ich Schritte im Gang. Ein Partisan erschien und schrie mich an:“was machst du hier, du deutsches Schwein? Mach schnell daß du fortkommst, sonst kannst du diesem Schwein hier in der Hölle Gesellschaft leisten!“ Mit einigen Hieben über den Rücken kam ich aus der Stube glücklich heraus.

Es wurde Abend. Das Essen war nicht viel: Kartoffelsuppe und 100 g Brot. Meine Sehnsucht war wieder einmal ausgestreckt zu schlafen. Vorher wurde Feuerwache eingeteilt. Da war mein Wunsch auf Schlaf dahin, denn ich hörte, daß ich von 9 bis 11 Uhr Feuerwache hatte. Ich erkundigte mich, was dabei zu tun sei, da wurde mir gesagt: „Aufpassen, daß niemand die Baracke verläßt!“

Um 9 Uhr trat ich meinen Dienst an. Nach einer Weile kamen zwei Posten in die Baracke. Ich meldete mich als Feuerwache. Dann traten beide auf mich zu und fragten mich in tschechischer Sprache, wo ich her sei. Da ich die tschechische Sprache nicht so gut verstand, sagte ich daß ich nichts verstände. Danach sprachen sie deutsch und ich gab Antwort so gut ich konnte.
Dann fragte einer den anderen: „Hast du Lust?“ (in tschechischer Sprache) Der gefragte verneinte. „Aber ich!“ gab der erste zurück, und schon ging es los, mit dem Gewehrkolben gegen mich. Er schlug mich in die Magengegend, bis ich zu Boden fiel.

Als ich dann diesem Kerl ins Gesicht schaute, sah ich voll Entsetzen, daß es derselbe war, der mich von der Stube jagte. Es war der Mörder des Mannes von Stube 16.

Er forderte mich auf, aufzustehen, was ich auch tat. Dann sagte er zu seinem Kollegen:“ Hast du keine übrige Patrone? Den Hund schieß ich tot!“ Die Antwort seines Kollegen aber war:  Laß ihn doch in Ruhe. Er ist ja auch ein Mensch.“ Nach einigen Schlägen in mein Gesicht gingen sie fort.

Es wurde 11 Uhr, als die Ablösung kam. Ich erzählte dem Mann kurz was vorgefallen war. Danach ging ich in meine Stube, um endlich zu schlafen. Ich erschrak heftig, als ich den Toten noch immer auf dem Boden liegen sah. Ich legte mich ins Bett, konnte aber nicht schlafen, denn mein Magen schmerzte fürchterlich. Meinem Leidensgenossen, der mich von der Wache abgelöst hatte, ging es ebenso wie mir.

Am nächsten Morgen hieß es : „ Kaffee holen“, alles im Laufschritt. Bei der Arbeitseinteilung hatte ich etwas Glück. Ich musste in einem Geschäft saubermachen, ohne Bewachung. Der Besitzer des Geschäfts war für mich verantwortlich. Es waren gute Leute. Ich sprach mit dem Herrn, der Deutsch sprechen konnte, über meine Magenschmerzen. Seine Frau brachte mir dann Milch und Weißbrot. Ein gutes Mittagsessen bekam ich auch. Leider war ich nur einen Tag bei diesen guten Leuten.

Im Lager Budweis war der Lagerälteste ein deutscher Zivil-Internierter, aber ein Mensch wie der Teufel. Er trug immer einen Gummiknüppel bei sich. Jeder Deutsche, den er im Hof stehen sah, der machte Bekanntschaft mit dem Gummiknüppel. Es spottet jeder Beschreibung, was der mit uns Deutschen getrieben hat. Ich war 2 Tage in Budweis.

Am 3. Tag hieß es in Krummau antreten, wir waren 60 Männer. Es standen im Lager einige tschechische Zivilisten da, anscheinend waren es Bauern. Ich dachte mir, daß es gut wäre, wenn ich zu einem Bauern zur Arbeit käme. Tatsächlich suchte sich jeder Bauer ein bis drei Männer aus. Ich war froh endlich aus dem Lager herauszukommen. Die Bauern mussten schriftlich die Verantwortung für uns übernehmen.

Aber die Freude war leider zu früh. Es kam ein großer LKW mit einigen Polizisten zum Lager. Dabei war ein älterer Tscheche in Zivilkleidung. Wie wir später erfahren haben, war er ein Legionsoffizier vom 1. Weltkrieg. Er zeigte sich uns gegenüber sehr freundlich und sprach mit uns Deutsch, während wir auf die Bauern warteten.

Dann erschien der stellvertretende Lagerkommandant Hrnecek. Als wir den sahen, bekamen wir es mit der Angst zu tun, denn er war der Gefürchtetste vom ganzen Lager. Er ließ sich jeden einzelnen vorführen. Als er am Ende war mit seiner Spotterei, sagte er: „ Das könnte euch so passen, bei den Bauern. Ich sorge schon dafür, daß mir keiner zu einem Bauern kommt. Wir haben wichtigere Arbeiten für euch!“

Alle 60 Mann mußten in den LKW einsteigen. Eine Plane kam darüber, und es ging ab. Wir fuhren vielleicht eine Stunden, dann hielt der Wagen an. Aussteigen hieß es. Wir sahen mit Schrecken, daß wir im Kohlenbergwerk Midlovary waren. Ich dachte mir, mehr als arbeiten kann ich ja nicht, und das war ich ja gewöhnt. Wenn nur die Verpflegung einigermaßen wäre, dann würde es schon gehen. Es wurde uns die Baracke gezeigt, wo unsere Unterkunft sein sollte. Dann ging es gleich zur Arbeit, ohne Essen. Es war 13 Uhr, aber in Budweis hatten wir auch nichts mehr bekommen.

Die erste Schicht im Bergwerk Mydlovary: von 13 bis 23 Uhr. Es wurden Gruppen eingeteilt zu je 4 Mann. In meiner Gruppe war noch ein Apotheker, ein Arzt und ein Lehrer. Da wurde uns ein bestimmter Satz vorgeschrieben, wieviel Kohle wir fördern mußten. Um diese Menge zu schaffen, mußten 4 Männer richtig anpacken. Aber was konnte ich von einem Arzt, oder Apotheker, oder Lehrer verlangen, wo keiner von dieser Arbeit eine Ahnung hatte? Ich half ihnen so gut ich konnte.

Das Aufsichtspersonal waren lauter junge Tschechen, die für ältere Männer kein Verständnis hatten. Der Lehrer namens Bartl war 68 Jahre alt, der Arzt Loi 70, der Apotheker Mayer war 30 und ich 40 Jahre. In der fünften Arbeitsstunde konnte der Apotheker weder Hacke noch Schaufel in den Händen halten, vor lauter Blutblasen- Als der Posten das sah, schrie er: „Du Schwein, willst du nicht arbeiten?“ Da zeigte der Apotheker ihm seine Hände. Wütend schlug ihm der Posten mehrmals über die Arme, so dass sein rechter Arm zweimal gebrochen war, was der Arzt feststellte. Ich sagte es dem Posten, worauf dieser antwortete: „Ich schlag ihm den anderen Arm auch ab, wenn er nicht arbeiten will!“

So musste der arme Kerl mit seinem gebrochenem Arm arbeiten, was er natürlich gar nicht konnte. So musste ich noch mehr drangehen, damit wir unseren Soll erfüllen konnten. Nach Ende der Schicht gingen wir mit großem Hunger in unsere Baracke. Jeder wurde von Kopf bis Fuß ausgesucht, aber von Essen war keine Rede. So gingen wir mit großem Hunger schlafen, 5 Mann auf 2 Strohsäcken. Wir lagen wie die Heringe in der Büchse.

Aber das größte Übel war das Ungeziefer Wanzen, Flöhe und Läuse.

Um 4 Uhr morgens mußten wir aufstehen. Da gab es Kaffee und 100 Gramm Brot. Um 5 Uhr ging es an die Arbeit bis 18 Uhr. Zum Mittagessen bekamen 60 Mann 7 Kilo Kartoffeln, im Wasser gekocht, ohne Salz. Das war eine Wassersuppe ohne Salz und ohne Brot, denn die 100 Gramm Brot waren für den ganzen Tag. Dieser Zustand dauerte 4 Wochen.

In dieser Zeit sind 44 von den 60 Männern aus der Arbeit ausgeschieden, teils durch schwere Körperverletzungen, durch Prügel von den Aufsehern oder durch Erschöpfung und Zusammenbruch. Die 44 Männer wurden durch deutsche Kriegsgefangene ersetzt. Diese stammten aus allen Teilen Deutschlands.

Mit diesen Kriegsgefangenen kam auch eine internationale Kommission, welche von allen Siegerstaaten vertreten war. Das bedeutete für uns eine wesentliche Besserung. Vor allem bekam jeder sein Bett und wurde von dem Ungeziefer befreit. Das Essen wurde mehr und besser.

Ich muß sagen, dass ein russischer Major gegen den diesen Zustand in Mydlovary sehr protestierte. Sofort wurde unser alter Kommandant von den Russen verhaftet. Wir bekamen ihn nicht mehr zu sehen. Wir haben ihm bestimmt nicht nachgeweint, denn wie wir von dem Russen, welcher sehr gut zu uns war, erfahren mussten, hatte uns der verhaftete Kommandant um unsere Lebensmittel bestohlen.

Jedenfalls war nun alles besser und wir konnten in unserer Freizeit Besuche empfangen. Aber bei 14 Stunden Arbeit am Tag blieb es, denn die tschechischen Arbeiter gingen fast alle von dem Bergwerk fort. Die hatten andere Aussichten. Da waren die deutschen Bauernhöfe, welche ja schon von der tschechischen Regierung beschlagnahmt worden waren. Dort fanden sie alles, was sie brauchten. Da gab es Vieh, Getreide, Möbel usw. Nur nichts arbeiten, dachte jeder. Das ging alles recht gut, bis die Austreibung losging. Da machten sie dumme Gesichter, denn wer sollte jetzt arbeiten auf dem Hof?

So kamen viele von den Tschechen wieder auf ihren alten Arbeitsplatz zurück. Es kam Weihnachten und wir mußten durcharbeiten.

Am Weihnachtsabend in der Nacht waren die meisten Posten betrunken. Das nützten 2 meiner Leidensgenossen aus und hauten ab. Sie ließen die Maschinen laufen, so fiel es nicht gleich auf, daß sie fort waren. Erst am Weihnachtstag um 6 Uhr früh merkten die Posten die Abwesenheit der beiden. Da war die Hölle los. Die Posten fingen an, wild herumzuschießen und riefen in die Finsternis hinein: „Stoi!“ (Halt). Aber die 2 Kameraden waren schon über alle Berge.

Zur Strafe mußten wir den ganzen Weihnachtstag und die folgende Nacht arbeiten. Mit besuchen war es auch für die nächsten Wochen vorbei, was für uns bitter war. Wir mussten die schmutzige Wäsche nach Hause schicken zum Waschen.

Am 9. Januar 1946 kam ich vor das Volksgericht. Ich wußte ja bis dahin nicht, warum ich verhaftet worden war. Beim Gericht habe ich dann den Grund erfahren. Der Vorsitzende hatte ein 10-Seitiges Protokoll über meine Person. Er las es in tschechischer Sprache vor und reichte es mir zum Unterschreiben. Ich sagte:“ Herr Richter ich habe kein Wort verstanden.“ Darauf fiel mich schon ein Polizist an, aber der Richter wehrte ihn ab und sagte: „Nun will ich das Protokoll auf Deutsch übersetzen,“ was er auch tat. Ich durfte aber keine Einwendungen machen, bis er fertig war. Dabei dachte ich mir: “Jetzt musst du auf Draht sein, sonst kannst du dir dein Grab selber schaufeln.“ Natürlich war das ganze Protokoll verlogen.

Als ich das meiste verneinte, sagte der Richter: „Jetzt werde ich ihnen einige Namen vorlesen, dann sagen sie mir, welche Namen ihnen bekannt sind“ Es waren 13 Namen und ich mußte gestehen, daß ich alle sehr gut kannte. Es waren alle meine Arbeitskollegen vor meiner Verhaftung, was ich dem Richter auch sagte. Ich verlangte eine Gegenüberstellung, was mir der Richter auch versprach.

Er sagte: „ Wir werden euch gegenüberstellen. Aber eines kann ich ihnen sagen: Unter 25 Jahren Zuchthaus kommen sie nicht davon!“ Ich sagte: „Das glaub ich nicht.“ So verließ ich den Verhandlungssaal und wurde wieder ins Bergwerk geführt.

Aber zu einer Gegenüberstellung kam es nicht. Wie ich später erfahren habe, wurden die 13 Mann von der Polizei in Krummau verhört. Als sie gefragt wurden, welchen Schaden ich ihnen zugefügt hätte, sagte jeder: Schaden keiner, aber er war ein Nazi!“ „Desswegen ist er nicht der schlechteste Mensch!“ sagte die Polizei und ich wurde am 7. April 1946 freigesprochen. Das war zu Ostern.

Am selben Tag sind 9 Kriegsgefangene von uns abgehauen. Leider wurden sie am 2 Tag nach der Flucht wieder erwischt. Sie hatten noch 20 Minuten bis zur bayrischen Grenze. Pech nennt man so etwas. Sie wurden wieder zu uns nach Mydlovary gebracht und ihr Zustand war sehr bedauerlich, als ich sie sah.

Die Arbeit wurde eingestellt und alles begab sich zur Schaustätte. Die Zivil- und Kriegsgefangene mußten sich in einer Reihe Linie aufstellen. Es kamen sämtliche tschechischen Zivilisten, sogar der Pfarrer kam mit, sowie sein Gefolge. Dann wurden die neun Gefangenen gebracht, begleitet von einigen Partisanen und dem berüchtigten Hrnecek aus Budweis.

Es wurde eine Bank herbeigeschafft, das ging alles auf den Befehl von Hrneck. Die armen Gefangenen wurden der Reihe nach über die Bank gelegt und jeder bekam 30 Hiebe mit Gummiknüppeln, was von den Partisanen ausgeführt wurde. Die Hiebe waren derartig, daß durch die Hosen das Blut sichtbar wurde.

Das tschechische Volk schrie immer: „ Schlagt Sie tot, die Schweine!“ Selbst der Pfarrer schloß sich dem Geschrei an, obwohl diese 9 Männer vor Ostern dem Pfarrer von Sahei das Haus renoviert hatten, denn es waren lauter Maurer. Die gehörten auch demselben katholischen Glauben an, wie der Pfarrer.

Trotz der Freisprechung wurde ich nicht entlassen, weil ja schon die Arbeitskräfte fehlten., die ausgewiesen wurden. So kam der 10 August 1946 welcher Tag meiner Befreiung sein sollte. Ich kam nach Budweis ins Lager, wo viele meiner Bekannten waren. Da war ich 3 Tage. Dann ging es nach Krummau, wo ich mit meiner Familie zusammengeführt werden sollte.

Meine Frau und meine Kinder wurden auch in das tschechische Gebiet verschleppt zur Arbeit in der Landwirtschaft. Der Bauer hatte auch niemand zur Arbeit und behielt meine Frau und die Kinder so lange es ging.

Dadurch musste ich noch 2 Wochen im Lager Krummau bleiben. Ich wurde zur Arbeit eingeteilt und mußte ins Kalkwerk Weichseln arbeiten gehen, wo ja mein früherer Arbeitsplatz und meine Wohnung war. Da traf ich noch einige Arbeitskollegen die mich angezeigt hatten. Als erstes bedankte ich mich bei ihnen für alles, was sie mir angetan hatten. Aber jeder hatte eine andere Ausrede. Sie hätten gegen mich nichts gesagt.

Als ich darauf hinwies, daß ich alle 13 Namen wußte, da war nur einer schuld, der schon längst ausgewandert war in die Ostzone.

Ich hatte auch Gelegenheit, meine frühere Wohnung zu besichtigen. Mich packte das Grauen, als ich den Zustand der Wohnung sah: Kein Fenster, keine Tür mehr, der Herd, welchen ich neu aufgestellt hatte, war zertrümmert. Alles war wüst durcheinander.

Endlich am 24. August kam meine Familie ins Aussiedlungslager Krummau, wo wir zusammengeführt wurden.

Meine Haft war: 6 Wochen Krummau
                              1Woche Budweis
                              1 Jahr Mydlovary
ohne einen Pfennig Vergütung. Meine Frau mußte mich noch zusätzlich mit Essen und Wäsche versorgen.

Franz Widy litt bis ans Lebensende an den Folgen der Mißhandlungen, der ihm während der Gefangenschaft beigebrachten Verletzungen.
In den letzten Lebensmonaten klagte er darüber, dass er kein Essen bei sich behalten könne, ihm wäre so, als ob sich inwendig etwas gegen die Nahrungsaufnahme quer stellen würde.
Tatsächliche Befunderhebungen einer fachärztlich verordneten Magen- Darmspiegelung wurden ihm verheimlicht.
Fachmedizinisch konnte ihm nicht mehr geholfen werden.
Trotz fürsorglichster Pflege, durch die Angehörigen, ist er über den Zeitraum von ca. sechs Wochen letztlich notgedrungen verhungert.